ZEIT: Ich kann nicht abschalten – und weiß, dass es mich etwas kostet

Der junge Mann saß mir gegenüber. Ruhig. Reflektiert. Und doch merkte ich ihm an, wie er innerlich getrieben war. Dann begann er zu reden – und das blieb hängen:
„Ich schaffe es nicht abzuschalten. Ich checke laufend meine E-Mails.
Ich komme aus dieser Kontrollschleife nicht mehr raus. Und ich habe ständig Angst, etwas zu verpassen. Der Preis, den ich zahle – der ist bestimmt hoch.“
Wie recht er hatte. Das Traurige dabei: Er ist damit nicht allein.
Die stille Sucht, über die kaum jemand spricht
Es ist keine klassische Sucht. Keine, die man riecht, sieht oder sofort verurteilt. Da sagte mal jemand: „Das Handy ist die neue Zigarette!“
Es ist die Kontrollsucht im Gewand von Verantwortung. Getarnt als Pflichtbewusstsein – um dem Ganzen noch einen erklärenden Anstrich zu geben Als Engagement. Als „Ich will doch nur informiert sein um mitreden zu können“.
Das Smartphone liegt griffbereit. Der Blick wandert wie automatisch zum Display. Und wir haben immer Zeit dafür. Ein kurzer Check. Nur fünf Sekunden. Dann nochmal. Und nochmal.
Am Anfang hat es ja noch Freude gemacht. Mittlerweile ist es aber so, dass die Gedanken dahingehen, weil Nicht-Wissen Unruhe erzeugt.
Fear of Missing Out – die Angst, nicht mehr gebraucht zu werden
Was hier wirkt, ist tiefer als Technik. Es ist FOMO – Fear of Missing Out.
Die Angst,
- etwas Wichtiges zu verpassen
- zu spät zu reagieren
- an Bedeutung zu verlieren
- nicht mehr relevant zu sein
Das Postfach wird zur Messlatte des eigenen Wertes. Je voller, desto wichtiger fühlt man sich. Je leerer, desto lauter wird die innere Frage:
„Bin ich noch notwendig?“
Warum Abschalten heute so schwer geworden ist
Früher gab es klare Schnitte:
Arbeit war Arbeit.
Feierabend war Feierabend.
Heute ist alles gleichzeitig. Alles dauernd erreichbar – dieses 24/7 Phänomen. Und alles gleich auch noch potenziell dringend.
Unser Gehirn liebt Klarheit. Aber wir leben in permanenter Unschärfe. Und genau das hält uns wach. Nicht die Arbeit. Sondern die ungeklärte Möglichkeit, dass noch etwas kommen könnte.
Der wahre Preis dieser Kontrollschleife
Der Preis ist hoch. Und er wird selten sofort bezahlt – sondern in Raten:
- innere Unruhe
- schlechter Schlaf
- Gereiztheit
- fehlende Präsenz bei Familie und Freunden
- das Gefühl, nie wirklich fertig zu sein
Man ist körperlich anwesend – aber gedanklich immer schon beim nächsten Ping. Erholung wird zur Theorie. Ruhe zum Fremdwort. Die Spirale birgt die Gefahr in sich, zur Endlosschleife zu werden.
Abschalten ist kein Zeitproblem – es ist ein Mutproblem
Viele glauben:
„Ich habe noch keine Methode gefunden.“
Die Wahrheit dagegen ist unbequemer:
Abschalten braucht Mut.
Mut,
- nicht sofort zu reagieren
- nicht alles zu kontrollieren
- nicht überall verfügbar zu sein
- auszuhalten, dass man etwas verpassen könnte
Abschalten heißt: Ich vertraue darauf, dass die Welt auch ohne mich einen Abend lang funktioniert. Je länger man in diesen Denk- und Handelsschleifen unterwegs ist, desto mehr Kraft kostet es, dem ein Ende zu setzen. Ob sofort oder nach und nach.
Ein erster, machbarer Schritt aus der Schleife
Keine Digital-Diät. Kein radikaler Entzug. Nur eine klare Grenze: Definieren Sie eine tägliche Offline-Zeit. Und die ist nicht verhandelbar.
Zum Beispiel:
Nach 19:30 Uhr keine beruflichen E-Mails mehr. Das könnte ein erster Start sein. Nicht für immer. Nur für heute. Und morgen. Probieren und fühlen, wie sich das für einen selbst anfühlt. Und wie eagieren andere auf Veränderungen in diesem Umfeld? Das Gehirn lernt durch Wiederholung. Und durch erlebte Entwarnung.
Wenn nichts Schlimmes passiert, verliert die Angst langsam ihre Macht.
Abschalten ist kein Luxus – es ist Selbstführung
Wer nie abschaltet, führt nicht – er reagiert. Zeitmanagement beginnt nicht im Kalender. Sondern im Kopf. Und im Mut zur Lücke. Denn am Ende bleibt diese eine ehrliche Frage:
Was kostet es mich, wenn ich so weitermache?
Und:
Was könnte ich gewinnen, wenn ich mir wieder erlaube, nicht immer erreichbar zu sein?
Die Zeit läuft. Die Frage ist nur: Läuft sie für Sie – oder durch Sie hindurch?
