LEBEN: Die vergessene Kunst der Stille

Gedanken aus der Ruhezone – und was sie mit unserem Leben zu tun haben
Ich sitze wieder mal im Zug. Hamburg liegt hinter mir, der Süden vor mir. Wie so oft habe ich bewusst die Ruhezone gebucht. Ein Seminartag ist vorbei. Ich habe den ganzen Tag geredet. War konzentriert bei und mit den lieben Menschen mit ihren Fragen und Ansichten.
Die Ruhezone buche ich immer wieder. Nicht, weil ich besonders empfindlich bin. Sondern weil ich spüren will, was heute selten geworden ist: Stille. Raum. Gedanken, die nicht unterbrochen werden sollen.
Und wieder stelle ich fest: Viele Menschen haben verlernt, in Ruhezonen zu leben. Nicht nur im Zug – sondern nebeneinander, im Alltag, im Leben.
Ruhe ist keine Abwesenheit von Leben
Sie ist seine Voraussetzung. Die Idee der Ruhezone ist simpel:
Nicht telefonieren.
Gespräche nur leise.
Kein Dauerbeschallen der Umwelt.
Ein Ort, an dem man schweigt, liest, aus dem Fenster schaut. Ein Ort, an dem Gedanken entstehen dürfen. So einfach. Und doch für viele mittlerweile so schwer. Denn das Gegenteil passiert:
Klingeltöne.
Lautes Lachen.
Endlose Telefonate über Belanglosigkeiten.
Nicht aus Bosheit.
Sondern aus Unfähigkeit zur Stille.
Das Handy ist die neue Zigarette
Früher griff man zur Zigarette, wenn eine Pause entstand. Heute greift man zum Smartphone. Sekunden ohne Input fühlen sich plötzlich bedrohlich an. Leere wird sofort gefüllt. Stille sofort bekämpft. Warum? Weil Ruhe etwas mit uns macht. Sie lenkt den Blick nach innen. Und dort wird es manchmal unbequem.
Stille konfrontiert
Mit Fragen wie:
- Bin ich gerade eigentlich zufrieden?
- Lebe ich das Leben, das ich leben will?
- Was verdränge ich, indem ich mich ständig ablenke?
Kein Wunder also, dass Stille gemieden wird. Sie kann peinlich werden. Sie ist ehrlich. Und Ehrlichkeit braucht Mut.
Was wir verlieren, wenn wir Ruhe verlernen
Ruhe ist kein Luxus.
Sie ist Grundnahrung für die Seele.
Ohne sie verlieren wir:
- Klarheit in Entscheidungen
- Tiefe in Beziehungen
- Wahrnehmung für uns selbst
Ein Leben ohne Stille wird laut. Aber nicht erfüllt.
Praxis: Wie Sie Stille wieder integrieren können
Nicht theoretisch. Nicht esoterisch. Sondern machbar.
- Schaffen Sie bewusste Ruhezonen
In Ihrem Umfeld. Da wo Sie zu Hause. sind. Wo Sie unterwegs sind. Macht sogar auch in Ihrem Kalender Sinn. Nicht als Lücke – sondern als festen Termin. - Lassen Sie das Handy bewusst liegen
Der Ansporn liegt hier auf Beginnen. Fangen Sie mit zehn Minuten an. Zehn Minuten ohne Input verändern mehr, als man denkt. - Üben Sie leises Nebeneinander
Nicht jedes Schweigen muss gefüllt werden. Ab und wann mal lernen, Stille auszuhalten. Nicht jedes Gespräch muss geführt werden. - Respektieren Sie die Ruhe anderer
Ruhezonen sind ein stiller Vertrag. Wer ihn bricht, nimmt anderen etwas Wertvolles.
Ein stiller Gedanke zum Schluss
Vielleicht ist Ruhe nicht überholt. Vielleicht sind wir es, die verlernt haben, sie auszuhalten. Stille ist kein Rückschritt. Sie ist ein Akt von Reife. Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort: Im Zug. In der Ruhezone. Mit einem ausgeschalteten Handy – und einem offenen Blick nach innen.
Andere werden es Ihnen danken. Und irgendwann Sie sich selbst auch.
