ZEIT: Nicht alles ist dringend. Und nicht alles ist Ihr Job.

Wie Sie aufhören, sofort zu reagieren – und andere sanft daran gewöhnen!
Es gibt diesen einen Moment. Jemand kommt um die Ecke, schreibt eine Mail, stellt sich neben Ihren Schreibtisch – und alles in Ihnen springt auf Alarm.
„Das muss jetzt sein.“
„Kannst du mal eben…?“
„Hättest du kurz…?“
Und Sie? Sagen innerlich Ja, noch bevor Ihr Verstand überhaupt prüfen durfte, ob es wirklich jetzt dran ist.
Die unbequeme Wahrheit
Nicht die Anfrage ist das Problem. Sondern Ihre sofortige Reaktion. Denn viele Dringlichkeiten sind keine Fakten – sie sind Gefühle. Was meinen Sie, wie viele Menschen zu Ihnen kommen, wenn Sie Arbeiten aus deren Aufgabenbereich immer sofort erledigen? Die sind begeistert aufgrund Ihrer Geschwindigkeit. Das hat sich bereits herumgesprochen. Und gewöhnen sich an Ihre Geschwindigkeit, die unbewusst zur stillen Regel wird.
- Der erste Hebel: Reaktion verzögern statt verweigern
Die größte Veränderung beginnt nicht mit einem harten „Nein“. Sondern mit einem bewussten Zwischenraum. Nicht: „Ja, ich mach’s sofort.“ Sondern: „Ich schaue mir das an und melde mich.“ Das ist kein Widerstand. Das ist Souveränität.
Merksatz
Wer immer sofort reagiert, wird immer sofort beansprucht.
Trainieren Sie sich selbst auf Pause statt Reflex. Zwei Minuten. Fünf Minuten. Eine Stunde. Allein diese Verzögerung verändert bereits die Dynamik. Sie nimmt den Schwung raus und beginnt, Ihr Umfeld zu verändern.
- Veränderung braucht Wiederholung – nicht Rechtfertigung
Viele machen einen Fehler: Sie erklären ihre neue Haltung zu ausführlich. Doch je mehr Sie erklären, desto mehr liefern Sie Angriffsfläche. Besser wäre, wenn Sie ihre Neuerung ruhig erklären. Nicht euphorisch, sondern sachlich. Und bringen Sie das mehrfach an. Wiederholen sie das. Bewährte Standardsätze:
- „Ich prüfe das und komme darauf zurück.“
- „Heute schaffe ich das nicht – ich plane es ein.“
- „Das passt gerade nicht in meine Prioritäten.“
Halten Sie sich dabei kurz. Kein Roman. Keine Entschuldigung. Keine Verteidigungsrede.
- Kollegenkreis: Gemeinsam neue Spielregeln etablieren
Im Kollegenkreis ist Veränderung oft leichter – wenn Sie sie sichtbar machen. Beginnen Sie die Dinge offen anzusprechen. Das ist auch Selbstschutz. Sprechen Sie offen an, wie Sie künftig mit Unterbrechungen umgehen, wann Sie ansprechbar sind und auch wann nicht.
Beispiel: „Ich arbeite vormittags fokussiert. Wenn es nicht brennt, sammeln wir Themen für später.“
Was passiert?
- Anfangs Irritation: Die Menschen verstehen nicht immer neue Wege.
- Es folgt nach einer gewissen Zeit Gewöhnung an Ihre neue Arbeitsweise.
- Am Ende wird Ihnen von mancher Seite Respekt gezollt.
Menschen passen sich an klare Muster an, die auch gelebt werden. Nicht an Bitten.
- Vorgesetzte: Nicht blockieren – sondern strukturieren
Hier braucht es Fingerspitzengefühl. Trotzige Reaktionen oder Rückzug aus der Situation bringen uns da nicht weiter. Sondern Übersetzung. Vorgesetzte denken oft in Ergebnissen, nicht in Belastungsgrenzen.
Ihr Werkzeug: Transparenz statt: „Das geht gerade nicht.“
Besser: „Wenn ich das jetzt übernehme, verschiebt sich Aufgabe X. Was ist Ihnen wichtiger?“ Plötzlich sind Sie nicht der Bremser. Sondern der Mitdenker. Helfen Sie mit, Verantwortung zu teilen statt still zu schlucken.
- Der innere Widerstand: Schuldgefühle entlarven
Viele reagieren sofort, weil sie glauben, sonst unkollegial zu sein oder zumindest unbequem zu wirken. Aber das ist es nicht. Das sind vordergründig geschaltete Argumente, die in vielen Fällen der Realität nicht standhalten.
Bringen Sie die Dinge klar aufs Tablett. Klarheit ist hier kein Egoismus. Sie ist Selbstführung. Und fragen Sie sich mal ehrlich:
- Wem nützt meine ständige Verfügbarkeit wirklich?
- Was kostet sie mich – täglich, langfristig?
- Welches Vorbild gebe ich damit ab?
- Ein einfacher Praxis-Impuls für morgen
Die 24-Stunden-Regel (im Kleinen):
Beantworten Sie nicht jede Anfrage sofort.
Nicht aus Prinzip – sondern aus Bewusstsein.
Beobachten Sie:
- Was erledigt sich von selbst?
- Was verliert plötzlich an Dringlichkeit?
- Wer lernt, auch ohne Sie klarzukommen?
Sie werden überrascht sein.
Zum Schluss
Sie müssen niemandem erklären, warum Sie sich verändern. Sie müssen es leben. Still. Klar. Konsequent. Das schafft Wirkung. Denn wer gelernt hat, nicht sofort „Hier!“ zu rufen, gewinnt etwas Unbezahlbares zurück:
Zeit. Ruhe. Selbstachtung.
Und genau das spüren andere – früher oder später.
