REDEN: Weg mit Wiederholungen! Arbeiten und leben Sie mit Ihrem Sprachschatz!

Warum unsere Sprache manchmal viel kleiner klingt, als sie eigentlich ist – und wie Sie Ihren persönlichen Wortschatz wieder zum Leben erwecken.
„Wie gesagt …“
„Im Endeffekt …“
„Das ist natürlich wichtig …“
„Wie gesagt …“
Merken Sie etwas?
Natürlich merken Sie es. Nur derjenige, der vorne steht, merkt es häufig nicht. Und genau darin liegt das Problem.
Wir Menschen haben sprachliche Lieblingswege. Formulierungen, auf denen wir uns sicher bewegen. Wörter, die schnell zur Verfügung stehen. Das ist zunächst völlig normal. Doch irgendwann wird aus Gewohnheit sprachliche Bequemlichkeit – und aus Bequemlichkeit Eintönigkeit.
Der Redner selbst bemerkt davon erstaunlich wenig. Für ihn entsteht der Inhalt schließlich gerade erst beim Sprechen. Das Publikum dagegen hört das Ergebnis. Und plötzlich fällt auf: Der Mann hat offensichtlich nur fünf Übergänge. Die Frau sagt in jedem zweiten Satz „sozusagen“.
Willkommen in der wunderbaren Welt unserer sprachlichen Wiederholungstäter.
Wir besitzen viel mehr Wörter, als wir benutzen
Unser passiver Wortschatz ist erheblich größer als der Teil, den wir im Alltag tatsächlich aktiv einsetzen. Wir verstehen wunderbare Wörter, wir lesen sie, wir erkennen ihre Bedeutung – wir würden sie beim Sprechen aber kaum spontan verwenden.
Das ist ein bisschen so, als hätten Sie einen riesigen Kleiderschrank – und würden trotzdem jeden Morgen dieselben drei Hemden anziehen. Nicht, weil nichts anderes da wäre. Sondern weil diese drei Hemden ganz vorne hängen.
Mit unserem Wortschatz passiert dasselbe. Wir greifen zu dem, was schnell erreichbar ist: „Wichtig.“ „Interessant.“ „Eigentlich.“ „Wie gesagt.“ Funktioniert alles. Nur irgendwann klingt Sprache dadurch nicht mehr lebendig, sondern vorhersehbar. Und Vorhersehbarkeit ist einer der stillen Feinde guter Rhetorik.
Das Publikum hört, was Sie selbst längst nicht mehr hören
Unsere eigenen Wiederholungen sind für uns selbst schwer zu erkennen. Unser Gehirn arbeitet mit Routinen und automatisierten Abläufen – sinnvoll, denn sonst müssten wir jeden Satz mühsam Wort für Wort konstruieren. Doch dieser Automatismus hat einen Preis: Bestimmte Wörter drängen immer wieder nach vorne.
Das Publikum sitzt währenddessen auf der anderen Seite, erkennt Muster – und wartet beinahe darauf. Da kommt es wieder: „Letztendlich.“ Drei Minuten später: „Letztendlich.“ Und noch einmal.
Ab diesem Moment hört ein Teil Ihres Publikums nicht mehr ausschließlich Ihre Botschaft. Er zählt Ihre „Letztendlich“.
Das ist schade. Denn hinter sprachlicher Wiederholung steckt selten mangelndes Wissen. Da steht möglicherweise ein hochkompetenter Mensch – der seine Kompetenz nur mit einem erstaunlich kleinen aktiven Wortschatz präsentiert.
Und genau daran können Sie arbeiten.
Machen Sie den Sprach-TÜV
Eine der wirkungsvollsten Übungen ist erschreckend einfach: Nehmen Sie sich auf. Sprechen Sie drei bis fünf Minuten frei über ein Thema, das Sie gut kennen – zum Beispiel „Warum ich meinen Beruf gerne mache“. Oder nehmen Sie zehn Minuten eines Vortrags oder Meetings auf.
Dann hören Sie sich selbst an. Aber diesmal nicht als Redner, sondern als Sprachdetektiv:
- Welche Wörter wiederholen Sie?
- Welche Füllwörter benutzen Sie?
- Welche Satzanfänge tauchen ständig auf?
- Welche Adjektive müssen bei Ihnen für alles herhalten?
Vielleicht entsteht eine Liste wie: eigentlich, natürlich, tatsächlich, wichtig, genau, letztendlich, im Prinzip, sozusagen, wie gesagt.
Das ist keine Liste zum Schämen. Das ist Ihre Trainingsliste. Denn was hörbar wird, kann verändert werden.
Verbieten Sie sich ein Lieblingswort
Nehmen Sie eines Ihrer besonders häufig verwendeten Wörter und verbieten Sie es sich für einen Tag. Angenommen, Ihr Lieblingswort lautet „wichtig“. Dann darf heute nichts mehr „wichtig“ sein.
Was passiert? Ihr Gehirn muss arbeiten. Aus „Das ist ein wichtiger Punkt“ wird plötzlich: „Dieser Punkt entscheidet über den Erfolg.“ Oder: „Genau hier liegt der Schlüssel.“ Oder: „Wenn Sie sich heute nur einen Gedanken merken, dann diesen.“
Sie ersetzen nicht einfach ein Wort durch ein anderes. Ihre Sprache beginnt wieder zu denken. Und genau darum geht es.
Spielen Sie: „Sag es fünfmal anders!“
Nehmen Sie einen Satz, den Sie häufig verwenden, zum Beispiel: „Das ist für unser Unternehmen sehr wichtig.“ Und jetzt sagen Sie dasselbe fünfmal anders:
„Darauf kommt es für unser Unternehmen entscheidend an.“ – „Dieser Punkt wird unsere weitere Entwicklung maßgeblich beeinflussen.“ – „Wenn wir hier richtig handeln, gewinnen wir.“ – „Genau an dieser Stelle entscheidet sich, wie wir morgen dastehen.“ – „Diesen Punkt sollten wir nicht unterschätzen.“
Die Botschaft bleibt ähnlich, die sprachlichen Wege verändern sich. Genau das trainiert sprachliche Flexibilität. Probieren Sie es mit „Wir müssen dieses Problem lösen“ – und plötzlich entstehen aus einem müden Satz fünf lebendige Bilder.
Entlasten Sie das arme Wort „machen“
Wir machen unglaublich viel: einen Termin, ein Seminar, einen Vorschlag, uns Gedanken. Das arme Wort „machen“ hat wirklich viel zu tun. Entlasten Sie es!
Aus „Wir machen eine Analyse“ wird: „Wir analysieren die Ergebnisse.“ Aus „Ich mache einen Vorschlag“ wird: „Ich schlage Ihnen Folgendes vor.“
Achten Sie einen ganzen Tag darauf, wie häufig Sie „machen“, „tun“, „haben“ und „sein“ verwenden. Nicht jedes dieser Wörter muss verschwinden – aber manches darf präziser werden.
Legen Sie Wortfelder an
Wer seinen Sprachschatz erweitern möchte, braucht keine Wörterbuch-Marathons. Arbeiten Sie mit Begriffen, die Sie tatsächlich benötigen.
Statt ständig „gut“: gelungen, überzeugend, wirkungsvoll, stark, hervorragend, stimmig. Statt „Problem“: Herausforderung, Hürde, Engpass, Stolperstein, Knackpunkt. Statt „sagen“: erklären, betonen, erläutern, feststellen, verdeutlichen.
Aber Vorsicht: Es geht nicht darum, möglichst kompliziert zu sprechen. Sprachreichtum bedeutet nicht Sprachprotzerei. Sprachreichtum bedeutet, mehrere Möglichkeiten zu besitzen – und die treffendste auswählen zu können.
Lesen Sie ab heute mit einem Stift
Lesen ist eines der besten Trainingslager für Sprache – allerdings nur, wenn wir nicht ausschließlich auf den Inhalt achten. Lesen Sie einen guten Artikel oder ein Interview einmal mit einem anderen Blick. Streichen Sie Formulierungen an, die Ihnen gefallen. Sammeln Sie starke Verben, ungewöhnliche Formulierungen, elegante Übergänge, treffende Vergleiche.
Nicht, um andere zu kopieren. Sondern um Ihr eigenes sprachliches Repertoire zu erweitern.
Und legen Sie sich ein persönliches Sprachschatzbuch an – ein Notizbuch, eine Datei, eine Notiz auf dem Smartphone. Darüber schreiben Sie: MEIN SPRACHSCHATZ. Und dort hinein kommt alles, bei dem Sie denken: „Donnerwetter. Das ist gut gesagt.“ Ihr Sprachschatzbuch muss niemand anderem gefallen. Es ist Ihr persönliches Trainingslager für gute Sprache.
Und manchmal ist Schweigen das bessere Wort
Viele Wiederholungen entstehen, weil wir Zeit brauchen. Das Gehirn sucht den nächsten Gedanken, und der Mund überbrückt: „Ähm …“ „Also …“ „Wie gesagt …“
Probieren Sie etwas viel Mächtigeres: Nichts. Eine Sekunde Pause, vielleicht zwei. Für den Redner fühlt sich das zunächst erschreckend lang an. Für das Publikum wirkt es souverän. Die Pause sagt: Ich darf nachdenken. Und nebenbei verschwinden viele Ihrer sprachlichen Wiederholungstäter ganz von allein.
Ihr 10-Minuten-Sprachtraining
Einmal pro Woche, zehn Minuten:
Minute 1–3 – Sprechen: Nehmen Sie sich auf und sprechen Sie drei Minuten frei.
Minute 4–5 – Hören: Welche Wörter oder Formulierungen wiederholen sich? Notieren Sie drei davon.
Minute 6–8 – Ersetzen: Suchen Sie für diese Begriffe jeweils drei Alternativen.
Minute 9–10 – Formulieren: Nehmen Sie einen typischen Satz und sagen Sie ihn fünfmal anders.
Stellen Sie sich vor, Sie machen das ein Jahr lang. Dann haben Sie Ihre eigene Sprache 52-mal bewusst unter die Lupe genommen. Das wird man irgendwann hören.
Bevor Sie diesen Artikel schließen …
Noch eine kleine Aufgabe. Kein „Mache ich irgendwann.“ Jetzt.
Schreiben Sie drei Wörter oder Redewendungen auf, von denen Sie vermuten, dass Sie diese ziemlich häufig benutzen. Fällt Ihnen keines ein? Dann fragen Sie heute einen Menschen, der Sie gut kennt: „Welches Wort benutze ich eigentlich ständig?“ Seien Sie gewarnt – die Antwort kommt möglicherweise verdächtig schnell.
Sprache muss nicht größer werden. Sie darf reicher werden.
Ein großer Wortschatz soll niemanden beeindrucken. Er soll Ihnen Möglichkeiten geben: genauer zu formulieren, Bilder entstehen zu lassen, Spannung aufzubauen, Menschen wachzuhalten. Und manchmal einfach einen Satz zu sagen, bei dem jemand im Publikum denkt: „Das war gut formuliert.“
Sprache ist weit mehr als ein Transportmittel für Informationen. Sie ist Klang. Sie ist Persönlichkeit. Sie ist Haltung. Sie ist Wirkung.
Also: Öffnen Sie die Schatzkiste. Holen Sie die Wörter heraus. Probieren Sie sie aus. Leben Sie mit ihnen. Und sorgen Sie dafür, dass Ihr Publikum künftig Ihrer Botschaft folgt – statt heimlich mitzuzählen, wie oft Sie schon „wie gesagt“ gesagt haben.
Denn letztendlich …
Nein. Streichen wir das.
Bildquelle KI-generiert
